health literacy

AUFGABE UND SERVICE / MISSION STATEMENT

This site collects concepts and materials on health education and discussed models and initiatives in the promotion of health literacy in a cross-cultural setting.

Lay health literacy and health competence has not been a prime focus in medical ethics. In societies enjoying a rich and well organized disease management system, quite often a repair mentality in health care matters has emerged while in countries and cultures of low levels in literacy, health care competence is absent or low.

We intend to collect classical and contemporary sources for the study and promotion of lay health literacy and responsibility. Information material and position papers are invited from all cultures and regions.

We invite colleagues in the fields of health care, health care education, bioethics, health policy, and the medical humanities, economics, and law to join our discourse and exchange of ideas and concepts in the promotion of health literacy in all cultures.

It is planned to also publish from time to time material and communication presented at this site. We offer links to existing or future sites in other languages discussing or promoting health literacy education.

Hans-Martin Sass
Xiaomei Zhai

GESUNDHEITSMÜNDIGKEIT – IST MEDIZINETHIK NUR FÜR ÄRZTE ?

Allgemein wird Medizinethik mit Arztethik gleichgesetzt. Das ist falsch und das ist richtig. Richtig ist, dass wir Bürger alle, ob krank oder nicht, in akuten Situationen von Ärzten als Experten abhängig sind. Gesundheit ist aber mehr als die Bekämpfung von Krankheit in einer akuten Krisenintervention. Gesundheit ist ein hohes Gut für jeden Menschen, dessen Pflege man nicht völlig anderen überlassen sollte. Die Gleichsetzung von Gesunderhaltung oder Gesundmachen mit der ärztlichen Tätigkeit ist eigentlich erst seit den enormen Erfolgen der modernen Diagnostik und Therapie erfolgt. Traditionell war Gesundheitspflege und das Wissen um gesundes Leben und Arbeiten auch immer Teil der Volksbildung und von Gesundheitskundlichen, die nicht zugleich auch Ärzte waren. Gesundheitskompetenz und Gesundheitsmündigkeit sind jedoch im Zuge der Entwicklung des medizinischen Versorgungssystems nicht selten einer Reparaturmentalität gewichen, die sich auf die erfolgreiche Krisenintervention durch Experten und die Finanzierung durch solidarische Kassen verlassen kann.

In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt GESUNDHEITSMÜNDIGKEIT – HEALTH LITERACY [Leitung: Prof. Dr. Hans-Martin Sass] wurde innerhalb eines größeren Projekts einer Forschergruppe (Koordination: Heiner Roetz ) zu Fragen einerkulturübergreifenden Bioethik versucht, Traditionen der gesundheitlichen Information und Kompetenz medizinischer Laien zu sammeln, zu analysieren und mit den heutigen Möglichkeiten vor allem der prädiktiven und präventiven Medizin zu konfrontieren. Aus der internationalen Medizinliteratur, mit Schwerpunkten in der chinesischen, muslemischen und europäischen Tradition, wurden Regelwerke und Anweisungen für Laien zu gesundheitserhaltendem und gesundheitsförderndem Verhalten in Ernährung, Beruf und persönlichem Lebenswandel gesammelt mit dem Ziel, diese historischen Quellen zur Gesundheitsmündigkeit [health literacy] in den Kontext der neuen Möglichkeiten prädiktiver und präventiver Medizin einzuführen.

In den asiatischen (konfuzianischen und taoistischen), muslemischen (arabischen und persischen) und europäischen (hippokratischen und christlichen) Kulturen und Arztkulturen gab es detaillierte Vorstellungen von und Anweisungen für das gesundheitserhaltende und gesundheitsfördernde Verhalten von medizinischen Laien. Diese seinerzeit weitverbreiteten Kenntnisse und Verhaltensberatungen bildeten einen wesentlichen Teil einer nicht nur auf ärztlicher Kunst und ärztlichem Ethos sich ausschließlich abstützenden Gesundheitssystems. Ihre Vermittlung wurde als Teil des ärztlichen Hilfs- und Heilsgebots verstanden. Aber auch neben und oft auch gegen den Ärztestand entwickelte sich Gesundheitswissen über Kräuterheilkunde und Lebensweise.

Im Zuge der rasanten Fortschritte in der kausalen Behandlung von Krankheiten sind die Fragen der Gesundheitsmündigkeit und -verantwortung sowohl in der ärztlichen Ausbildung und Praxis wie auch in der medizinethischen Reflexion zurückgetreten. Die neuen, vor allem aus der Molekulargenetik und Umweltmedizin kommenden Erkenntnisfortschritte in der prädiktiven und präventiven Medizin geben jedoch der präsymptomatischen gesundheitlichen Aufklärung Verantwortung des medizinischen Laien entsprechend dem individuellen genetischen Erbe und der individuellen Interaktion mit der lebensweltlichen Umwelt eine neue Chance und eine neue Bedeutung, auch angesichts der global und national begrenzten Ressourcen für die akute Krankheitsintervention. Angesichts einer durch molekulargenetische Prädiktion und nachfolgende Prävention möglichen Gesundheitserhaltung und -förderung bekommen die gesundheitliche Beratung des medizinischen Laien und die selbstbestimmte Gesundheitsverantwortung mündiger Bürgerinnen und Bürger einen neuen Stellenwert in Gesundheitskultur und Gesundheitswesen. Zu diesen neuen Herausforderungen gehören aber auch das Nachdenken über die Grenzen der individuellen Gesundheitsverantwortung und die Risiken der Diffamierung von Merkmalsträgern oder verantwortungsunfähigen Mitbürgern.

In einer ersten Phase wurden klassische oder repräsentative Inhalte von Gesundheitsberatung und Regelwerke für die Hand des Laien aus den drei Kulturkreisen gesammelt, (sofern noch nicht geschehen) ins Deutsche übersetzt und im Vorlauf eines gemeinsamen Arbeitstreffens aus ihrem jeweiligen kulturellen und arztethischen Umfeld interpretiert.

In einer zweiten Phase wurde unter Beteiligung von Klinikern, Molekulargenetikern, Ernährungs- und Verhaltensforschern, Ethikern und Epidemiologen versucht, Möglichkeiten und Grenzen einer medizinischen Gesundheitsmündigkeit von Laien für das individuelle Ausmessen und Gestalten von Lebensqualität und Gesundheitspflege auszuloten. In dieser zweiten Phase wurde besonderer Wert auf die Beziehung von Betroffenen- und Patientengruppen und von Gesundheitsbewegungen gelegt und auf den Transfer der Diskussion in den öffentlichen Diskurs.

Health-literacy / Gesundheitsmündigkeit

Health literacy is the degree to which individuals have the capacity to obtain, process, and understand basic health information and services needed to make appropriate health decisions.

GESUNDHEITSMÜNDIGKEIT / HEALTH LITERACY (Dr. Peter Schröder)

Was ist Gesundheitsmündigkeit / Health Literacy? Nach einer Definition von Healthy People 2010 ist Gesundheitsmündigkeit – in der englischen Sprache geführt als „health literacy”: „The degree to which individuals have the capacity to obtain, process, and understand basic health information and services needed to make appropriate health decisions.“ Health Literacy als Konzept trat in der englischsprachigen wissenschaftlichen Diskussion erstmals 1974 in einem Aufsatz in Erscheinung [Vgl. Simonds SK: Health Education as Social Policy. In: Health Educ Monogr, 2, 1974: 1-25. Siehe auch das Vorwort in National Institute of Health: Current Bibliographies in Medicine. Health Literacy (1990-1997), http://www.nlm.nih.gov/pubs/cbm/hliteracy.html]. „Health Literacy“ im deutschen Sprachgebrauch ist als „Gesundheitsmündigkeit“ besonders von Hans-Martin Sass geprägt.

Die Begriffe Health Literacy / Gesundheitsmündigkeit knüpfen an die aufklärerische und volksaufklärerische Tradition („Aufklärung ist der Ausgang des menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ formulierte Immanuel Kant) sowie an die erfolgreichen Literacy- und Alphabetisierungsprogramme der UNESCO an. Wer Gesundheitsmündigkeit schätzt, schätzt die Fähigkeit von Personen, gutinformierte und selbstbestimmte Entscheidungen in Gesundheitsangelegenheiten treffen zu können. Wer Gesundheitsmündigkeit fordert, will zugleich eine Befähigung von Bürgern zur Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Dies bedeutet aber in gerechtigkeits- und solidaritätsbasierten Gesellschaften natürlich nicht, dass Personen, die nicht gesundheitsmündig werden können oder wollen, durch das Raster der gesundheitlichen Versorgung fallen.

Auch ist der Patient nicht rechtsstaatlich verpflichtet, seine Mündigkeit wahr zu nehmen, selbst wenn er eigentlich informiert ist oder informiert sein kann. Er hat noch immer die Möglichkeit, sich vertrauensvoll in die Hände seines Arztes zu begegeben und die vielleicht im Einzelfall quälende Entscheidung (bspw. welche Therapie zu wählen ist) sich abnehmen zu lassen. Jedoch wird deutlich, dass der gesundheitsmündige Patient und Bürger immer eine Option mehr hat als der Unmündige: Er kann sich beispielsweise seinem Arzt hingeben, muss es aber nicht.

Doch geht es im Zusammenhang mit Gesundheitsmündigkeit / Health Literacy nicht nur um Meinungsbildung und Entscheidungsprozesse in hochtechnisierten und komplexen Gesellschaften. In vielen infrastrukturell und medizinisch schlechter versorgten Ländern ist eine Grundkompetenz, gesund leben zu können, eine zentrale und leider vielfach seltene Chance. Hier kann das Leitbild der Gesundheitsmündigkeit / Health Literacy als Aspekt der allgemeinen Gesundheitserziehung verstanden werden: Oft kann es hier vonnöten sein, grundlegendes hygienisches Wissen – beispielsweise auch in Form von Comics und Zeichnungen in nichtalphabetisierten Regionen – zu vermitteln.


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